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Eingangsbild: Die Erde (Foto: https://pixabay.com/illustrations/earth-planet-world-globe-sun-1990298/)
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Im Zuge der Umstellung der Diplomstudiengänge auf das Bachelor-/Mastersystem zu Beginn der 2000er Jahre kam es zu einer bis heute nachwirkenden Diversifizierung der geowissenschaftlichen Studiengänge. Bis zu diesem Umbruch gab es an den Universitäten fast überall die Studiengänge Geologie/Paläontologie, Mineralogie und/oder Geophysik. Nur in wenigen Fällen gab es einen Studiengang mit der Bezeichnung Geowissenschaften. Mit der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge wurden an zahlreichen Universitäten neue Namen für die geowissenschaftlichen Studiengänge eingeführt. Das Ziel sollten stärker an den Erfordernissen der Wirtschaft ausgerichtete Studiengänge sein. Man glaubte, über die Bezeichnungen der Studiengänge einen direkten Bezug zum möglichen Berufsumfeld herzustellen. Die Wirtschaftsverbände klagen jedoch heute, dass sie keine mit einem umfassenden geologischen Basiswissen ausgestattete Geologen mehr für die zu besetzenden Stellen finden und selbst die Universitäten haben mittlerweile Schwierigkeiten, Promotions- und Mitarbeiterstellen mit ausreichend qualifizierten Menschen zu besetzen.
Die engen Vorgaben für die Bachelor- und Masterstudiengänge bezüglich der Bewertungskriterien, die in diesem System über eine Vielzahl von Prüfungen (Klausuren, Hausarbeiten, mündliche Prüfungen etc.) für jedes einzelne Modul erforderlich waren, führten im Ergebnis dazu, dass die Inhalte der Studiengänge gegenüber den bisherigen Diplomstudiengängen deutlich reduziert werden mussten. Die Studierenden streben nicht mehr danach, sich ein möglichst umfassendes Wissen in ihrer Disziplin anzueignen, sondern versuchen, mit geringem Aufwand möglichst viele Creditpoints für den Abschluss eines Examens zu bekommen. Studien haben gezeigt, dass die Qualität der Masterabschlüsse auch nach über zwanzig Jahren der Praxis weit entfernt ist von der hohen Qualität der früheren Diplomstudiengänge. Ganz abgesehen davon werden eine ganze Reihe der neugeschaffenen Bachelor- und Masterstudienabschlüsse im Ausland nicht anerkannt (Forschung & Lehre, 2018).
Ein wichtiger Kritikpunkt dabei ist, dass insbesondere in den Geowissenschaften die grundständige Ausbildung auf dem Gebiet der Geologie stark vernachlässigt wurde. Während z.B. Themen aus dem Umweltbereich immer stärker in den Vordergrund traten, wurden die Inhalte zur geologischen Grundausbildung immer weiter in den Hintergrund gedrängt. Das äußert sich auch in der allmählich immer stärker werdenden Verdrängung des Begriffes Geologie aus den Studiengangsbezeichnungen zugunsten von deutschen Begriffen, die allerdings immer nur einen Teil der Geologie umfassen und den geowissenschaftlichen Fächern in der Universitätslandschaft nicht zuträglich waren. Der inzwischen recht weit verbreitete Begriff Erdsystemwissenschaft wurde 2022 mit dem „Zukunftsreport Wissenschaft“ der Leopoldina ins öffentliche Bewusstsein getragen (Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, 2022). Die Leopoldina ist die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften“. Sie ist die älteste naturwissenschaftlich-medizinische Gelehrtengesellschaft im deutschsprachigen Raum. Die Erdsystemwissenschaft wird in dem Zukunftsreport als Leitidee formuliert, die für kommende Forschungen wegweisend sein soll.
In einer Grafik (Abb. 1 a) werden die Sphären des Erdsystems in 5 Bereiche unterteilt: Anthroposphäre, Atmosphäre, Biosphäre, Hydrosphäre und Geosphäre (Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, 2022: Abb. 1). Der in dieser Abbildung verwendete Begriff Geosphäre ist im Gegensatz zu den anderen vier Begriffen allerdings nicht einheitlich definiert. Im geologischen Umfeld wird der Begriff häufig für den festen Teil des Erdkörpers verwendet, ist aber als Definition nicht klar hinterlegt. In der Geographie ist der Begriff hingegen schon seit langer Zeit in Gebrauch als „den gesamten festen Erdkörper umfassender Bereich und seine bis zur Exosphäre reichende gasförmige Hülle“ (Lexikon der Geowissenschaften, 2025, Spektrum.de, online). Mit der Geosphäre ist hier also nichts anderes als die gesamte Erde mit all ihren Sphären gemeint. Das macht auch Sinn, denn „Geo“ ist aus dem Griechischen entlehnt von altgriechisch γῆ gē und bedeutet „Erde“ – mit allem, was dazugehört, auch der gasförmigen Hülle. Weil die Erdsystemwissenschaft lt. Leopoldina-Zukunftsreport explizit die Geographie mit einbezieht, sollte der Begriff Geosphäre deswegen nicht, wie in der Grafik gezeigt, verwendet werden. Man sollte hier die Begriffe Lithosphäre/Mantel/Kern verwenden, wie im Änderungsvorschlag in Abb. 1 b gezeigt.
Das, was wir als feste Erde wahrnehmen, was sich also sozusagen unter unseren Füßen ins Erdinnere erstreckt, sollte mit dem Begriff Lithosphäre bezeichnet werden, darunter der Erdmantel und der Erdkern (Abb. 2). Man könnte hier auch Lithosphäre/Asthenosphäre verwenden, da auch die Asthenosphäre mit den anderen Sphären z.B. an mittelozeanischen Rücken in eine Wechselwirkung tritt.
Bei den Bezeichnungen für die Sphären bedient man sich im Leopoldina-Zukunftsreport allenthalben der griechischen und lateinischen Wortursprünge und das ist auch gut so. Warum macht man das nicht auch beim übergeordneten Begriff der Erdsystemwissenschaft? Die Physik hat sich auch nicht umbenannt in Naturlehre – der Wortursprung physis bedeutet ja nichts anderes als Natur. Oder die Chemie: das Wort stammt vom altgriechischen χέω, (chem) – „gießen“ ab und wurde als χύμεία – chymeía für die Kunst des Metallgießens verwendet, wobei dabei die Umwandlung im Vordergrund stand. Wird die Chemie deswegen in Umwandlungswissenschaft umbenannt? Wohl kaum.
Erdsystemwissenschaft – das ist eigentlich nichts anderes als Geologie oder zumindest ein Teilbereich der Geologie. Warum also belässt man es nicht bei der Bezeichnung Geologie? Geo kommt aus dem Griechischen und bedeutet Erde (s.o.) und -logie stammt vom ebenfalls griechischen logos ab, was man mit Einsicht, Vernunft oder Lehrsatz übersetzen kann. Damit ist die Geologie die Lehre von der Erde, und zwar als Ganzes, allumfassend. Sie befasst sich mit dem Zusammenspiel aller Bereiche der Geosphäre von der kleinsten atomaren bis hin zur größten globalen Dimension. Alle heute unter dem Begriff geowissenschaftliche Disziplinen zusammengefassten Bereiche gruppieren sich darunter und so sollte man sie auch verwenden. Es besteht kein Grund, die Bezeichnung Geologie durch eine vermeintlich moderne Übersetzung ins Deutsche zu ersetzen. Der Begriff Erdsystemwissenschaft schränkt hingegen die Geologie als übergeordnete Wissenschaft ein, denn unter diesem Begriff versammeln sich insbesondere die Wissenschaftsdisziplinen, die sich mit den Prozessen in der Atmosphäre und auf der Erdoberfläche und nur zu einem geringen Teil in den allerobersten Bereichen der Lithosphäre befassen. Die Prozesse in tieferen Erdinneren sind hier weitgehend ausgeklammert.
In nahezu allen Sprachen wird der Begriff Geologie für die Wissenschaft von der Erde verwendet: Geology (Englisch), géologie (französisch), geología (spanisch), und viele andere Sprachen mehr. Übersetzungen sind nicht üblich. Warum sollen wir das im Deutschen ändern? Für die Einbindung in die internationale geologische Wissenschaft ist das nicht förderlich, denn auf internationaler Ebene versteht man den Begriff Erdsystemwissenschaft gar nicht.
Für die Geologie gilt, dass alle anderen Disziplinen, die sich mit der Erde in irgendeiner Form beschäftigen, Teilbereiche der Geologie sind. Das ist nicht überheblich gemeint, sondern folgt einzig und allein der sprachlichen Logik. Ausnahmslos jede Teildisziplin kann für sich die Forschung anhand bestimmter methodischer Ansätze oder bestimmter Teilbereiche beanspruchen. Das kann die Geologie nicht, denn sie umfasst alle gleichermaßen. Egal, was in der Geologie geforscht wird, man bewegt sich immer in einem Teilbereich, sei es Sedimentologie, Mineralogie, Geochemie oder Paläontologie. Es gibt viele Beispiele wie man hier in dieser Liste sehen kann. Keine dieser Disziplinen ist allumfassend – nur die Geologie (in alphabetischer Reihenfolge, die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit):
Geochemie, Geodynamik, Geophysik, Historische Geologie, Hydrogeologie, Klimatologie, Meteorologie, Mineralogie, Ozeanografie, Paläontologie, Pedologie, Petrologie, Sedimentologie, Vulkanologie, u.v.a.m.
Die gleiche allumfassende Bedeutung hat auch die Geosphäre. Der Unterschied zum Begriff Geologie besteht darin, dass Geologie die Lehre von der Erde meint, sie ist etwas Theoretisches und beschäftigt sich mit Modellen zu Erklärung geologischer Phänomene, die Geosphäre hingegen bezeichnet ganz konkret eine erfassbare körperliche Einheit, eben unseren gesamten Planeten.
Die Geosphäre lässt sich in unterschiedliche Bereiche, die Sphären, einteilen (Abb. 2). Für die Sphären vom inneren Erdkern bis einschließlich der Lithosphäre gibt es bis heute allerdings keinen zusammenfassenden, übergeordneten Begriff. Die Geosphäre schließt alle anderen Sphären mit ein, sie fällt also dafür aus. Und der Begriff Feste Erde trifft es nicht, da Teile des Erdkörpers in flüssiger Form vorliegen. Wenn wir daher eine Grafik wie in der Abbildung der Leopoldina (Abb. 1) erstellen wollen, müssen wir die einzelnen Sphären ab der Lithosphäre benennen oder es in diesem Zusammenhang bei der Lithosphäre belassen. Das wäre zumindest ein vertretbarer Kompromiss, denn fast alle für die Geologie wichtigen Prozesse finden in oder auf der Lithosphäre statt. Anstatt „Geosphäre“ müsste in der vorderen Kugel „Lithosphäre/Erdmantel/Erdkern“ stehen.
In der Wissenschaft gibt es unzählige Definitionen für die unterschiedlichsten Sachverhalte. Sie sind die Bausteine der Kommunikation, ohne die wir uns nicht verständigen könnten. Es hat sich aber ergeben, dass zu manchen übergeordneten Begriffen mittlerweile unterschiedliche Definitionen existieren. In diesem Beitrag sollen deswegen auch keine neuen Definitionen eingeführt, sondern nur die häufig verwendeten Begriffe anhand der altbekannten Definitionen richtig eingeordnet werden. Zusammenfassend möchte mich dafür plädieren, dass wir unsere Wissenschaft wieder allgemeingültig als Geologie bezeichnen. Darunter sind alle Wissenschaftsdisziplinen versammelt, die gegenwärtig oft als Geowissenschaften oder Erdsystemwissenschaften zusammengefasst werden.