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Geotop des Monats Oktober 2026

Ausgrabungsstätte Steinrinne Bilzingsleben


Die Steinrinne Bilzingsleben zählt zu den bedeutendsten altpaläolitischen Fundstellen weltweit. Sie liegt am Nordrand des Thüringer Beckens im Bereich der Kindelbrücker Störungszone. Die Fundstelle wird seit 1969 ergraben und bereits 1972 wurden auch fossile Reste des Urmenschen Homo erectus bilzingslebenensis entdeckt.
Vor etwa 375.000 bis 400.000 Jahren, während Warmzeit zwischen Elster- und Saale-Eiszeit, lebte Homo erectus hier am Ufer eines rund 200 Meter großen Sees. Dieser wurde von einer Erdfallquelle gespeist und entwässerte über eine Travertinkaskade zur Wipper. Am Südwestufer legten die Urmenschen ihre Siedlung an. Als der Abfluss des Sees blockiert wurde, stiegt der Wasserspiegel und überflutete die Uferbereiche.
Aus dem kalkreichen Quellwasser wurden zuerst Lockerkalke und schließlich Travertin, ein überwiegend aus Kalzit bestehender Süßwasserkalk abgesetzt. Diese Überdeckung führte zur außergewöhnlich guten Konservierung der Funde und Befunde des Siedlungsareals.

Bei der Freilegung des Areals konnte eine funktionelle Gliederung des Lagerplatzes in verschiedene Aktivitätszonen, wie Wohn- und Werkstattbereiche nachgewiesen werden. Die Fundstelle ist der älteste Nachweis einer solchen Strukturierung eines menschlichen Siedlungsplatzes weltweit. 140.000 Steinartefakte und 8 Tonnen Knochenmaterial wurden bisher geborgen. Neben Altelefant, Wald- und Steppennashorn, Bison, Pferd, Rot- und Damhirsch wurden auch extrem seltene Arten, wie der Makake, der Höhlenluchs, der Höhlenlöwe und der eiszeitliche Otter nachgewiesen.

Ein Großteil der Knochen geht auf die Jagdtätigkeit des Urmenschen zurück. Die Überreste von mindestens 70 Altelefanten und mindestens 270 Nashörnern zeigen dabei klar, dass dieser ein erfolgreicher Großwildjäger war.

Die bislang 41 menschlichen Überreste gehören zu mindestens vier Individuen.

Dabei liegen ausschließlich Schädelreste vor, die alle erst lange Zeit nach dem Tod gezielt zertrümmert wurden. Ein Milchzahn belegt zudem die Anwesenheit von Kindern. Unter den tausenden Tierknochenfragmenten sind einige Stücke, die absichtlich eingeritzte Muster tragen. Diese sind die älteste Kollektion grafischer Darstellungen aus Menschenhand weltweit.
Quellenangabe: Enrico Brühl

Weiterführende Literatur:

Mania D (1974) Bilzingsleben, Kr. Artern: Eine altpaläolithische Travertinfundstelle im nördlichen Mitteleuropa. ZFA 8:157–173

Mania D (1991) Zur Paläontologie der mittelpleistozänen Travertine von Bilzingsleben. In: Mania D, Fischer K, Guenther EW, Heinrich W-D, Musil R, Notzold T (Hrsg) Bilzingsleben IV. Homo erectus – seine Kultur und Umwelt. Veröff. Landesmus. Vorgesch. Halle, 44, S 9–28

Mania D (1993) Homo erectus von Bilzingsleben – seine Kultur und Umwelt. Forschungsergebnisse seit 1987. Ethnogr Z 34:478–510

Mania D (2003) Die Travertine in Thüringen und im Harzvorland. Hall Jb 17:1–83

Mania D (2004a) Bilzingsleben V. Homo erectus – seine Kultur und Umwelt, zum Lebensbild des Urmenschen. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas, 40. Beier und Beran, Langenweißbach

Mania D (2004b) Die Urmenschen von Thüringen. Spektrum der Wissenschaft. http://www. spektrum.de/magazin/die-urmenschen-von-thueringen/839151. Zugegriffen: 14. Apr. 2024

Mania D, Mai DH (2001) Molluskenfaunen und Floren im Elbe-Saalegebiet während des mittleren Eiszeitalters. Praehistoria Thuringica 6/7:46–91

Mania D, Mania U (2000) Die Steinrinne bei Bilzingsleben – ein Geotop, Kulturdenkmal und Biosphärenreservat. Geowissenschaftliche Mitteilungen Thüringen 10:7–20 (Beiheft)

Mania D, Mania U, Altermann M, Schoch WH (2017) (Hrsg) Bilzingsleben VII. Homo erectus – seine Kultur und Umwelt. Veröffentlichungen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt 75. Landesmuseum für Vorgeschichte. Landesamt für Denkmalpflege, Halle/Saale

 

Details

Bundesland
Thüringen
Landkreis
Sömmerda
Ort
Bilzingsleben